Interview mit Heike Leitschuh, Sängerin und Stadtverordnete (Die Linke)
Am 7. Mai 2026 war unsere Stadtverordnete Heike Leitschuh mit Ihrer Band "Heike, Paul & Claus" bei uns zu Gast in Niederursel. Im Cafe Mutz präsentierten sie ihr Programm: "Lieder, die wir brauchen. Widerständig, kraftvoll, ermutigend", Songs von Gerhard Gundermann, Hans-Eckardt Wenzel, Bettina Wegner, Dirk Michaelis und Holger Biege. - Wir haben mit ihr über Musik und Politik gesprochen.
Frage: Du hast eine sehr schöne Stimme und gute Musiker. Die Lieder kommen einfühlsam und überzeugend, ohne Schmalz und Pathos rüber. Du wirkst wie eine von uns, mit dem Unterschied, dass wir - dein Publikum - es nicht so schön hätten sagen bzw. singen können. Willst du mit deinen Auftritten eine Botschaft vermitteln oder geht es dir mehr um den "Spaß an der Freude" des Singens?
Antwort: Nun ja, Freude sollte man beim Singen und Musizieren schon haben, sonst wird das nix mit dem einfühlsam und überzeugend. – Aber ja, meine Band und ich, wir haben eine Botschaft. Unser Programm ist überschrieben mit: "Lieder, die wir brauchen. Widerständig, kraftvoll, ermutigend". Wie leben in schwierigen Zeiten. Machen uns Sorgen um den Frieden, den inneren, wie den äußeren, um das Klima, um die Demokratie. Da sollten wir uns nicht im Privaten vergraben, sondern uns einmischen, zeigen, dass es auch anders geht. Uns engagieren, ob im Kleinen mit einer Unterschrift, oder im Größeren bei einer Demo oder sogar in einer Initiative oder Partei aktiv werden. Und auch wenn sich der Wind dreht: Anständig bleiben, solidarisch bleiben! Dafür brauchen wir Kraft und Zuversicht. Musik kann da helfen. Die Bewegung der Anständigen war immer dann erfolgreich, wenn sie Lieder hatte. Lieder die uns stärken, das Gemeinsame ausdrücken, die unser Herz erreichen, die uns einander näherbringen. Solche Lieder singe ich, spielen wir. Und wir merken deutlich, wie positiv unser Publikum sie aufnimmt. Wir schenken den Menschen einen schönen Abend, aber wir bestärken sie auch.
Wie bist du überhaupt zum Singen gekommen, und wie hast du die anderen Mitglieder deiner Gruppe gefunden?
Ich hatte 2012 eine persönliche Krise, als sich mein damaliger Lebensgefährte das Leben nahm. Da wollte ich endlich tun, was ich schon lange vorhatte: Singen. Ich begann in einer Bigband. Das ging gründlich in die Hose, hatte mich total überschätzt. So nahm ich erstmal Gesangsunterricht, gründete eine kleine Band, ich sang Rock- und Pop-Songs, auf Englisch. Das war schön, aber noch nicht das Richtige. Ich wollte Lieder mit anspruchsvollen Texten singen. Mein Mann ist Westberliner und hatte sich immer sehr für die Musik in der damaligen DDR und dem jetzigen Ostdeutschland interessiert. Über ihn lernte ich die Stücke von Gerhard Gundermann und Hans-Eckardt Wenzel kennen. Und die von Bettina Wegner, Dirk Michaelis und Holger Biege. Großartige Texte, tolle Musik. Kritisch, manchmal richtig rotz-frech, dann wieder melancholisch-weich, aber immer poetisch, nie plumper Agit-Prop. Die Stücke handeln von den "kleinen Dingen“ des Lebens, von unseren Ängsten, Sehnsüchten und Fragen und von dem, was uns gesellschaftlich widerfährt und was man ändern muss. Nun hatte ich meinen musikalischen Weg gefunden. Allerdings dauerte es noch eine Weile, bis ich dazu die passenden Musiker hatte. Die gibt es jetzt! Wir hatten schon Auftritte im Club Voltaire, im Bockenheimer Lilium, jetzt im Mutz, aber auch in Köln und Berlin.
Du bist vor kurzem als Mitglied der Fraktion der Linken in die Stadtverordnetenversammlung gewählt worden. Wo würdest du gern politische Akzente setzen?
Erstmal: Ich bin richtig froh und dankbar, dass ich jetzt die Chance habe, auf kommunalpolitischer Ebene für die Menschen in Frankfurt aktiv zu werden. An der Seite von tollen Leuten. Ich lebe seit 35 Jahren hier und mag diese Stadt sehr. Gleichzeitig spüre ich die Verantwortung, die damit verbunden ist. Die Menschen, die uns gewählt haben, erwarten, dass wir uns für sie einsetzen. Und dass wir nicht nur schöne Reden halten, sondern etwas bewegen. Völlig zur Recht.
Mir liegen zwei Bereiche besonders am Herzen: Die sozialen Fragen stehen für die Linke im Vordergrund. Ich will, dass wir dabei den Klima- und Naturschutz nicht vergessen. Wenn wir unsere Lebensgrundlagen nicht schützen, wird es kein gutes Leben auf diesem Planeten mehr geben. Ich setze mich daher dafür ein, dass wir Lösungen finden, bei denen wir beides im Blick haben: Soziale Verbesserungen und den Schutz des Klimas und unserer natürlichen Umwelt. Das zeigt sich vor allem, wenn es um die Schaffung von Wohnraum geht. Aber auch bei der Energiewende: Der Ausbau der Erneuerbaren sollte nicht auf Kosten des Natur- und Artenschutzes gehen.
Zweitens geht es mir um den sozialen Zusammenhalt in der Stadt, um die Kultur des Zusammenlebens. Das fängt damit an, wie wir in der Fraktion, in der Stadtverordnetenversammlung miteinander umgehen, wie wir Differenzen austragen, ob wir es schaffen, eine politische Kultur zu entwickeln, die von Respekt geprägt ist. Und es geht bis dahin, ob wir alle mehr Verantwortung dafür übernehmen, dass der öffentliche Raum attraktiv ist, oder ob wir der Vermüllung tatenlos zusehen.
Danke für das Gespräch! Wir wünschen dir noch viel Erfolg, sowohl auf der Bühne bei deinen Konzerten, als auch im Römer zusammen mit unserer Fraktion!
Zur Website von Heike Leitschuh
Und hier noch ein Beispiel für die nachhaltig eindrucksvollen Lieder des Abends:
Bettina Wegner, Gebote
Na, Gebote braucht der Mensch wohl, um zu überleben.
Also schafft er ständig neue – sie zu übergeben:
An die Welt, die nach ihm sein wird, und an seine Erben,
Denn es lässt sich mit Geboten wirklich leichter sterben.Lernte ich doch in der Schule, niemand solle lügen,
Und so war ich völlig sicher, keiner wird betrügen.
Doch im Lauf von 60 Jahren lernte ich verstehn:
Das Gebot kreiert man ja nur, um es zu umgehn.Wasserpredigt - Weingelage – so stehn die Gesetze.
Und wer heut Moral noch fordert, ruft schon auf zur Hetze.
Darum sah ich mich gezwungen, eigne mir zu schaffen:
10 Gebote für mein Leben als die letzten Waffen.Aufrecht stehn, wenn andre sitzen
Wind zu sein, wenn andre schwitzen
Lauter schrein, wenn andre schweigen
Beim Versteckspiel sich zu zeigenNie als andrer zu erscheinen
Bei Verletzung nicht mehr weinen
Hoffnung haben beim Ertrinken
Nicht im Wohlstand zu versinkenEinen Feind zum Freunde machen
Solidarität mit Schwachen
Und ich hab sie nie gebrochen, bis auf ein Gebot:
Bei Verletzung wein ich manchmal, was ich mir verbot.


